Dürers Hände

In der kleinen Küche meiner Großmutter hingen „Dürers Hände“ an der Wand – ein nicht gut gemachtes Kupfer-Imitat auf furniertem Holz. Sie hatte im Laufe ihres Lebens nacheinander zwei Männer geheiratet und zwei Männer verloren. Nun war sie allein, oft einsam, und einmal am Tag ging sie einkaufen, um aus der Wohnung zu kommen. Sie zog sich dafür schick an, als ginge es zu einem Besuch in die Stadt. Nachmittags kochte sie sich eine Tasse Kaffee und trank ihn in kleinen Schlucken. Sass da und wartete, bis das Abendlicht milde in die Küche fiel, dass sie ihre Hände in den Schoss legen konnte, wieder war ein langer Tag geschafft, wieder hatte ihr Herz folgsam weitergeschlagen, und wenn sie Glück hatte, reflektierte das Licht auf den Dürer-Händen, und für einen Moment lag ein leichter Schimmer auf ihrem Gesicht.

Frank Keil

Geboren und aufgewachsen in Hamburg an der Elbe. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist er als freier Kulturjournalist und Autor unterwegs. Diverse Texte und Strecken für den ERNST; ausserdem Mitbetreiber der Plattform www.maennerwege.de. Aktuell schreibt er an seinem autofiktionalen Romanprojekt „Ich weiss nichts über meine Familie, suche sie aber trotzdem“, für den er 2022/23 einen Literaturpreis der Stadt Hamburg erhielt. Ausserdem Bahnfahrer, Frühaufsteher, Kleingärtner und Mettbrötchen-Fan.