Andreas war mein erster Schulfreund, gleich in der ersten Klasse. Er hatte rote Haare und seine Mutter hatte rote Haare, und sie wohnten in dem kleinen Haus in der Kehre, und Andreas hatte eine Ritterburg. Er baute sie im Garten für mich auf, auf einem Sandhügel, sie hatte eine Zugbrücke und einen Burggraben, dass die Feinde draussen bleiben mussten, es gab Kanonen, und die Ritter hatten Schilder und lange Schwerter zum Zuschlagen. Andreas fand die Ritterburg ganz okay, für mich war sie das Allergrösste, dann verloren wir uns aus den Augen. 30 Jahre später sahen uns wieder, ein Klassentreffen, wie üblich. Wir standen nebeneinander, er war Medizintechniker geworden. Für Dialysegeräte, die er den Leuten zu Hause aufstellte, wo er ihnen die Funktionsweise erklärte, immer wieder vorbeikam, das Gerät nachsteuerte, sorgsam an Knöpfen drehte. „Am Anfang ist das schön, weil es den Menschen hilft, aber dann machen die Nieren mehr und mehr schlapp, es nützt schliesslich kaum noch etwas, und ich muss dabei zusehen“, erzählte er. An die Ritterburg konnte er sich nicht erinnern.
Die Burg
Frank Keil
Geboren und aufgewachsen in Hamburg an der Elbe. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist er als freier Kulturjournalist und Autor unterwegs. Diverse Texte und Strecken für den ERNST; ausserdem Mitbetreiber der Plattform www.maennerwege.de. Aktuell schreibt er an seinem autofiktionalen Romanprojekt „Ich weiss nichts über meine Familie, suche sie aber trotzdem“, für den er 2022/23 einen Literaturpreis der Stadt Hamburg erhielt. Ausserdem Bahnfahrer, Frühaufsteher, Kleingärtner und Mettbrötchen-Fan.